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Schweine über dem Kollegen

Zum Abschluss des Semesters frühstückten wir als Klasse zusammen. Meine Platznachbarin war eine überzeugte Veganerin. Schon bald kamen wir auf das Thema „Fleischkonsum“ zu sprechen. Als sie anhob, um ihre Meinung zu äussern, baten alle: „Bitte nicht“. Anscheinend hatte die Kollegin schon genügend oft auf dieses Thema hingewiesen. Ich wurde erste recht neugierig. „Mich würde deine Meinung interessieren!“, beteuerte ich. Sie verzog ihr Gesicht zu einem breiten Grinsen. Offenbar war sie nicht abgeneigt, ihre Meinung und ihr Wissen ein weiteres Mal zu demonstrieren. Sie rückte ihren Stuhl zurecht und begann eine wohlgesetzte, mehrere Minuten dauernde Rede. Zuerst erzählte sie vom Leiden der Schweine: „Diese armen Tierchen leben ihr ganzes Leben lang ohne Tageslicht und ohne Weide in ihrer eigenen Scheisse, um am Schluss qualvoll getötet zu werden.“ Sie beschrieb ausführlich die Pein der Schweine, die bei der Geburt und der schlechten Haltung begännen. Auch den Stress beim Transport und die grausame Tötungsmethode liess sie nicht aus. „Ich verstehe Menschen, die Fleisch essen, nicht. Es gibt doch so viele gute Alternativen! Lieber verzichte ich fünf Minuten lang auf einen Genuss, als dass ein Schwein sein Leben lang leiden muss“, erklärte sie.

Szenenwechsel:

Das übriggebliebene Essen wurde verteilt. Ein Junge hatte ein grosses Nutellaglas mitgebracht, das nach dem Essen noch fast voll war. Eine kurze Beschreibung von ihm: Er ist klein für sein Alter, sensibel und weiss sich oft nicht zu helfen. Trotzdem sehnt er sich nach Anerkennung, aber er ist aussen vor. Da er eine Glutenintoleranz hat, und mit keinem Brotkrümel in Kontakt kommen darf, konnte er das Glas nicht zurücknehmen. Die Veganerin, mit der ich vorhin das Gespräch geführt hatte, hielt das Nutellaglas hoch in die Luft. „Wer möchte es mitnehmen?“, fragte sie in die Runde. Niemand hatte Interesse. „Ich kann das jedenfalls nicht nach Hause bringen, es hat Palmöl drin“, bemerkte sie abschätzig. Dann klirrte es. Ich traute meinen Augen nicht. Das Nutellaglas lag in Scherben am Boden, sie hatte es fallengelassen. „Problem gelöst“, kicherte sie.

Dieses Verhalten tat mir weh. Ich fragte mich: Wie kann dieselbe Person, die zehn Minuten zuvor das fiese Verhalten der Menschen den Schweinen gegenüber verurteilt hat, nun so etwas gemeines gerade diesem Mitschüler antun?

Diese Kollegin merkt untergründig, dass etwas nicht in Ordnung ist. Es ist nicht richtig, dass Tiere so behandelt werden, wie sie es beschrieben hat! Doch denkt sie, dass die Gewalt der Menschen gegenüber den Tieren aufhört, wenn künftig auf Fleisch verzichtet werden würde. Doch das stimmt so nicht! Sie beachtet nicht, dass der Mensch böse ist. Seit dem Sündenfall bleiben Menschen böse, auch wenn sie kein Fleisch mehr essen.

Indem Teil vom Leben, der ihr wichtig ist, genügt sie ihren Anforderungen. Für Tiere kämpft sie, der Rest ist zweitrangig. Sie hat den Lyoner beim Essen ausgeschlagen, ihre Gefühle stimmen. So kann sie scheinbar ohne grosse Gewissensbisse fies zu diesem Kollegen sein, weil sie in den wichtigen Teilen des Lebens ihren Anforderungen standhält.

 

 

 

 

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