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Wenn die Reichen die Ärmsten sind

In meiner Freizeit erteile ich einem Jungen Deutschunterricht. Er ist ein Einzelkind und wird den ganzen Tag von einer Nanny umsorgt. Jedes Mal, wenn ich zu ihm nach Hause komme, sehe ich unter den Türmen von «alten» Spielwaren neue Autos, Spielfiguren und Plastikschrott. In einer Ecke lagert ein Berg von ausrangierten Spielwaren, die zum Verkauf bereitstehen. Seine Mutter und er nagen also nicht gerade am Hungertuch…

Ich fragte meinen Schüler einmal: «Wer ist dein bester Freund?» Er wurde traurig und antwortete mir: «Ich habe keinen Freund». Als ich dann kurze Zeit später gehen musste, bat er: «Ich möchte nicht, dass du weggehst!»

Ich war beeindruckt von seiner kindlichen Ehrlichkeit. Es ist also möglich, Millionen zu besitzen, und trotzdem «arm» und unglücklich zu sein…

Szenenwechsel: Bei einer Lohnauszahlung hatte die Mutter nicht den genauen Barbetrag zur Hand. Sie musste mir ein bisschen zu viel geben (es ging um Kleingeld!) Sie bat mich, am anderen Tag das zu viel gegebene Geld zurückzugeben, was ich auch tat. Sie nahm die Münze dankend entgegen. Ein paar Minuten später berichtete sie mir von ihrem Jungen, der ihren 70 Zoll Flachbildfernseher randaliert habe, als ob dies eine Alltäglichkeit wäre.

Später veranstaltete ich mit dem Jungen ein Wettrennen mit seinen ferngesteuerten Autos. Er teilte mir immer das allerschlechteste Fahrzeug zu, sodass ich jedes Mal verlor. Nicht dass ich dies schlimm gefunden hätte! Doch wurde mir plötzlich bewusst: Dieser Junge kopiert das Verhalten seiner Mutter! Sie gibt für sich und ihren Sohn tausende von Euro aus, und kämpft bei der Abrechnung ihres «Angestellten» um ein paar Cents? Ist es ein Wunder, dass sie durch ein solches Verhalten sozial isoliert? Denn auch ich als «Ersatzfreund» (mit Nebeneffekt Deutschlernen) komme schliesslich nur, weil ich dafür bezahlt werde…
Es geht mir in diesem Artikel nicht darum, diese Familie zu verurteilen. Ich mag den Jungen, ehrlich! Doch das Gespräch mit meinem «armen, reichen» Schüler gab mir zu denken. Geht es dem Jungen wirklich gut? Oder ist der Reichtum für ihn nur ein Trostpflaster, das ihn blind für das macht, was er wirklich braucht? Und: Strebe nicht auch ich in meinen Sehnsüchten nach Reichtum? Im Grunde genommen etwas, was mich einsam und somit «arm» macht…

Wie könnte dieser Junge (und schlussendlich wir alle) aus dieser Einsamkeit ausbrechen? David Platt gab mir die Antwort, als ich auf dem Heimweg «Keine Kompromisse» las: Wir (reiche Westler) widersetzen uns dem Befehl Gottes, wenn wir denken, dass das Geld uns gehört! Die Bibel lehrt uns, dass reiche (Christen) den Auftrag haben, ärmere (Christen) zu versorgen. Gott ist keine kosmische Spassbremse, der uns verbietet, Geld anzuhäufen. Er möchte, dass wir realisieren, dass wir ihn brauchen. (Es geht um das Streben nach viel Geld und Material was verkehrt ist, nicht der Reichtum an sich selbst!)

John Wesley brachte es treffend auf den Punkt:

«Geld bleibt nie bei mir. Es würde mich verbrennen, wenn es bliebe. Ich werfe es so schnell wie möglich von mir, damit es nicht etwa seinen Weg in mein Herz findet.»

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