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«Ich bin süchtig»: 1 Woche Unterhaltungsfasten 

In diesem Artikel berichtete ich von einer Woche, in der ich zusammen mit mehreren Klassenkameraden auf jegliche virtuelle Unterhaltung verzichtete. Das Unterhaltungsfasten haben wir mit «Timewaste-Challenge» benamst. Ein Kollege von mir hat nun das ganze für ein Projekt in der Schule wiederholt, und mir davon berichtet. Im Folgenden seine Erfahrung, die ich verschriftlicht habe. 

«Normalerweise läuft mein Abend wie folgt ab: Ich komme aus der Schule heim, sinke auf die Couch, und schaue bis zum Abendessen YouTube. Nachher steht (wenig überraschend) nochmals YouTube oder Netflix auf dem Programm. Zwischendurch wird noch gelernt, meistens erst dann, wenn es sich nicht mehr länger hinausschieben lässt. Also ziemlich spät (der Schlafmangel lässt grüssen.)  

In der Woche, in dem ich auf jegliche Unterhaltung verzichtete, verlief alles anders. Ich fühlte mich wie ein frisch pensionierter Herr, der plötzlich alle Zeit der Welt zur Verfügung hat, und sich plötzlich überlegen muss, was er in seiner nun freiwerdenden Zeit anstellen soll. Am ersten Abend kam ich nach Hause, und setzte mich aus alter Gewohnheit sogleich aufs Sofa. Irgendetwas fehlte mir. Ich war müde vom langen Schultag. Die letzte Zeit war auch wirklich anstrengend gewesen. Ich überlegte nicht. Doch das war ein Problem. Denn es passierte… Ich griff aus Reflex zum Handy, und öffnete Instagram. (Allerdings muss ich zu meiner Rechtfertigung sagen, dass ich, Instagram blind öffnen kann. Diese Handlung war also kein willentlicher Akt, sondern ein Reflex. Eine Schlange kann nach ihrem Tod auch noch beissen.) Ich war von mir selber erschreckt. War ich also süchtig? Frustriert lag ich einige Minuten auf der Couch und starrte zur Decke. Geht das allen so? So konnte das nicht mehr weitergehen. Wie sollte ich das meinen Kollegen erzählen, vor denen ich grossspurig behauptet hatte, es ohne Instagram aushalten zu können? Ich öffnete die Einstellungen und ging auf den Unterpunkt Bildschirmzeit. Es kam, wie es kommen musste. Soziale Netze: 3 Sekunden. Gefrustet warf ich das Kissen gegen die Wand und stand mit einem Ruck auf. Ich nahm mein iPhone, und ging zum Keller runter. Dort angekommen schaltete ich das Licht an, und öffnete die Tür zu unserem Kellerabteil, das schon seit Jahren als Rumpelkammer diente. Spinnweben hingen überall. Ich musste niesen. Meine Augen streiften durch den dunklen Raum, und blieben bei dem alten Kühlschrank, der noch von meiner Grossmutter stammte. Das perfekte Gefängnis… für mein Handy. Ich arbeitete mich durch das Gerümpel zum Kühlschrank hin, und öffnete das verstaubte Ding. Ich nahm mein Handy, stellte es stattdessen auf den Kühlschrank, und verliess zufrieden den Keller. Oben angekommen schaute ich auf die Uhr. Erst 17.00 Uhr?   

Mich beschlich das unangenehme Gefühl der Langeweile, dass ich seit Ewigkeiten nicht mehr verspürt hatte. Nachdenklich nahm ich meine Jacke vom Bügel, und zog sie mir an. Frische Luft stärkt bekanntlich das Immunsystem. Intuitiv tastete ich nach meiner Hosentasche. Leer. Normalerweise kommt einem sofort den Gedanken in den Sinn: «Mist, ich muss nochmals zurück, um mein Handy zu holen!» Doch jetzt brauchte ich es gar nicht. Es war richtig seltsam, das Haus ohne Handy zu verlassen. Ich hatte keine Lust, nochmals in den staubigen Keller zu gehen, nur um wie gewohnt eine volle Hosentasche zu haben.  Also ging ich ohne Handy nach draussen, und begab mich zum Park. Mir blieb immer noch eine Stunde übrig, bis meine Mutter nach Hause kam. «Diese Zeit könnte ich morgen nutzen, um wieder einmal ordentlich zu trainieren. Meine Hanteln verstauben ja schon…,» dachte ich. 

Es regnete leicht, und die Strasse war lärmig. Es herrschte Abendverkehr. Auf dem Weg begegnete mir ein Drogensüchtiger, der nach Geld bettelte. «Hast du mir eine Münze?», lispelte er mit krächzender Stimme, als ich an ihm vorbeigehen wollte. Ich schüttelte den Kopf, und ging weiter. «Was ist das für ein trauriger Mensch?», dachte ich mir. Doch dann kam mir die vorige Situation wieder in den Sinn, und ich wurde nachdenklich. Bin ich nicht auch süchtig, aber zu wenig ehrlich, um mir dies einzugestehen?  

Nach dem Abendbrot fragte ich mich wieder, was ich nun anstellen sollte. Ich ging in mein Zimmer, setzte mich an den Tisch, und begann, die Hausaufgaben zu lösen. Schnell war ich damit fertig, holte dann schliesslich doch mein Handy und übte mit Duolingo Spanischvokabular und ging nochmals die Flaggen durch, die wir für die Prüfung ein paar Tage später brauchten. Den Abend liess ich mit einem Buch ausklingen. So produktiv war ich schon lange nicht mehr gewesen…  

Der nächste Tag begann ungewohnt. Ich wurde nicht von meinem Handy geweckt, sondern wachte von alleine auf. Das Handy hatte ich vorsorglich am Vorabend im Nebenraum platziert, damit ich mich nicht vergass, und aus Gewohnheit nach dem Erwachen zum Handy griff. Ich stand auf, streckte mich, und ging dann im gemächlichen Tempo zur Küche, um mir einen Smoothie zuzubereiten. Irgendwie kam ich mir einsam vor, als ich alleine frühstückte – eben ohne Instagram.   

An diesem Tag genoss ich zum ersten Mal seit langem einen Abend ohne Instagram und YouTube. Ich nahm mir vor, auch nach dieser Woche mehr Zeit mit anderen Menschen im realen Leben zu verbringen.  

In den nächsten Tagen war ich zu beschäftigt, um mich nach dem Handy zu sehnen. Ich hatte an einem Tag drei Prüfungen, und war jeden Abend mit Lernen beschäftigt. Der Drang nach Unterhaltung ging drastisch zurück. Am Freitag, als die Prüfungen vorbei waren, schmerzte es dafür umso mehr, dass ich wegen meiner Verpflichtung nicht mit meiner Familie ins Kino gehen konnte. Doch schlussendlich zeigte sich meine Mutter mit mir solidarisch und blieb zuhause, während die anderen in den Ausgang gingen. Dieser Abend war eine weitere Feuerprobe. Nach dem Abendessen fiel mir schliesslich nichts Besseres ein, als auf Quizlet Vokabular zu lernen. Nachher schlief ich aus Langeweile ein. Um 21.30 Uhr, und das erst noch an einem Freitagabend…  

Am nächsten Tag traf ich mich mit einem Kollegen. Er fragte mich: «Weshalb hast du mir so lange nicht mehr auf Instagram geantwortet?» – «Ich bin auf Entzug», antwortete ich ihm. Er wunderte sich. «Weshalb?» – «Ein Selbstexperiment für die Schule», antwortete ich ihm, und rollte mit den Augen. «Ich könnte das nicht. Lieber würde ich meine Niere als mein Handy weggeben.» Wir lachten beide. «Du bist also süchtig?», forderte ich ihn heraus. «Süchtig würde ich nicht sagen… oder vielleicht doch», sagte er nachdenklich.  

Wir gingen zu ihm nach Hause. Er wohnt in einer luxuriösen Wohnung mit Seesicht. Als wir in sein Zimmer kamen, zeigte er mir seinen 70 Zoll Flachbildfernseher, den er vor einer Woche zum Geburtstag bekommen hatte. Wir setzten uns aufs Sofa, und er schwärmte von einem Film auf Netflix, der vor drei Tagen rausgekommen sei. «Wollen wir zusammen schauen?  auf die Reportage, dass muss niemand wissen», sagte er grinsend. Das war nicht leicht. Ich hatte schon lange auf die Fortsetzung dieser Serie gewartet. Doch nach einem kurzen, innerlichen Kampf sagte ich schweren Herzens… «Nein. Ich habe schon sechs Tage durchgehalten, ich möchte nicht ganz am Schluss scheitern.» 

Am nächsten Tag war der Spuk vorbei, und ich konnte endlich den neuen Film auf Netflix schauen.» 

 

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